Sprachwissenschaftliche Rezension zu seinem Buch

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Mallory, James Patrick: In Search of the Indo-Europeans / Language, Archaeology and Myth. Thames and Hudson, London 1989. 288 Seiten, 175 Abbildungen. Preis 92,- DM.

Rezension von von Bernfried Schlerath, vom Seminar für Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft der Freien Universität Berlin, in der → Praehistorische Zeitschrift in der → Folge 1992 / 01 Vol. 67; Iss. 1

P. Mallory hat sich das Ziel gesetzt, die Ergebnisse der Forschung zur Indogermanenfrage aus den letzten Jahrzehnten zusammenzufassen und in einer kritischen Gesamtdarstellung auszubreiten. Daraus ergibt sich für ihn, dass die Annahme einer pontisch-kaspischen Urheimat der Indogermanen am wahrscheinlichsten ist. Die bisher bekannten Argumente werden zum Teil modifiziert und durch neue ergänzt.

Ein Problem stellt sich dem Autor dadurch, dass noch während er an seinem Buch arbeitete, zwei Werke erschienen, die unkonventionelle Thesen zur Indogermanenfrage, insbesondere zur Urheimat vertraten, die sich weit von dem entfernten, was bisher in der Forschung angenommen war: Th. V. Gamkrelidze u. V. V. Ivanov, Indo-European and the Indo-Europeans / A Reconstruction and Historical Typological Analysis of a Protolanguage and a Proto-Culture I —II (Tbilisi 1984); C. Renfrew, Archaeology and Language: The Puzzle of Indo-European Origins (London 1987). Auf das erstgenannte Buch geht Mallory an verschiedenen Stellen ein, mit Renfrew setzt er sich in Kapitel 6 (S. 143 ff.) auseinander. Das erste Kapitel des vorliegenden Buches (S. 9-23) ist überschrieben "The Discovery of the Indo-Europeans". In ihm gibt Mallory einen Abriss der Forschungsgeschichte der Indogermanistik. Er benennt die einzelnen Zweige der indogermanischen (idg.) Sprachfamilie und bespricht das Verhältnis dieser Zweige zueinander. Im Einzelnen werden dabei Schleichers Stammbaummodell, Johannes Schmidts Wellentheorie, das 1982 von Adrados entwickelte Schema, die Darstellung von Gamkrelidze u. Ivanov (1985) und die schematische Darstellung der wichtigsten 24 Isoglossen des Indogermanischen durch R. Anttila (1972) genannt. Hierbei müssen natürlich Wörter aus den verschiedensten Sprachen zitiert werden. Alle diese Wörter erscheinen bei Mallory ohne diakritische Zeichen und sind deshalb bei einer ernsthaften Diskussion in dieser Form nicht zu verwenden. Der Nicht-Sprachwissenschaftler dürfte in einer Reihe von Fällen sogar Schwierigkeiten haben, diese Wörter auch nur zu identifizieren. Ich weiß nicht, ob Mallory recht hat, wenn er auf S. 8, wo er sein Verfahren rechtfertigt, sagt, dass diakritische Zeichen, wie z. B. Längestriche, "have a way of terrifying a general reader". Freilich kann der Sprachwissenschaftler ohne Schwierigkeit die Diakritika einsetzen, aber – abgesehen von der Unbenutzbarkeit durch den Nichtfachmann – hinterlässt diese graphische Reduktion einen unangenehmen populärwissenschaftlichen Eindruck.

Was nun die Kriterien betrifft, nach denen die nähere oder fernere Verwandtschaft verschiedener idg. Einzelsprachen beurteilt werden muss, so sind die Dinge nirgends wirklich auf den Begriff gebracht worden, wobei ich gleich hinzufügen muss, dass es in der Sekundärliteratur nur weniges und dieses nur an versteckter Stelle gibt, was dem Autor zu einer klareren Sicht hätte verhelfen können.

Bei der Bewertung der Verwandtschaftsverhältnisse der idg. Sprachen zueinander arbeitet man mit dem Begriff der Isoglosse. Man versteht darunter die Grenzlinie, die ein gemeinsames Merkmal verschiedener Sprachen umschließt. Verschiedene Isoglossen schließen sich bisweilen zu Isoglossenbündeln zusammen. Eine konsequente Berücksichtigung aller Isoglossen würde zu einem chaotischen Bild führen. Daraus könnten keine Schlüsse gezogen werden. So hat man sich schon immer auf gewisse auffällige und weiter verbreitete Isoglossen beschränkt. Man hat aber zuwenig berücksichtigt, dass die Isoglossen auf den verschiedenen Ebenen der Sprache ein völlig unterschiedliches Gewicht haben. So tritt etwa der Zusammenfall von idg. loi und /a/ in /a/ im Germanischen und im benachbarten Baltischen auf, sowie im Indo-iranischen, das in einer frühen Zeit offenbar in räumlichem Kontakt mit dem Baltischen stand. Dasselbe Phänomen haben wir aber auch im Hethitischen. Im Falle von Germanisch, Indo-iranisch und Balto-Slawisch nimmt man den Zusammenfall von /a/ und lo/ in /a/ in die Reihe der Gemeinsamkeiten dieser Sprachen auf. – Argumente dieser Art sind nicht nur wertlos, weil der in Rede stehende Lautwandel so banal ist, dass er überall und immer wieder auftreten kann, sondern auch deshalb, weil wir nichts über den Zeitpunkt wissen, an dem er eingetreten ist. Da die ältesten baltischen und die ältesten indo-iranischen Quellen fast 3000 Jahre auseinander liegen, ist es sehr wohl möglich, dass keinerlei historischer Zusammenhang besteht.

Bei der viel diskutierten verschiedenen Vertretung der drei uridg. Tektal(Guttural)reihen, die es erlaubt, die idg. Sprachen in Kentum- und Satemsprachen zu unterteilen, liegt der Fall prinzipiell völlig gleich. Das Problem wird hier auf S. 19 allzu verkürzt angesprochen. Es sieht bei Mallory so aus, als würde sich das Problem auf das Phonem /ḱ/, das in dem idg. Wort für hundert (*ḱmtom) vorkommt, beschränken. In Wahrheit handelt es sich um neun Phänomene, die in drei Dreiergruppen zu ordnen sind. Dabei wird (nicht nur von Mallory) die Bedeutung dieser Isoglosse für die Einteilung der idg. Sprachen gewaltig überschätzt. Mallory sagt: "Schleicher's tree demanded an intensely close relationship between Germanic and Balto-Slavic, yet here Balto-Slavic were more closely allied with the Asian languages" (S. 19).

In Wahrheit ist die Kentum/Satem-Unterscheidung nicht sehr alt und auch nicht bedeutend. Das geht auch daraus hervor, dass es Sprachen gibt, die Vertretungen aller drei Tektalreihen aufweisen. Das Problem hat jüngst eine überzeugende Behandlung gefunden (J.Tischler, IF [Indogermanische Forsch.] 95, 1990, 63 ff.).

Die Methode, mehrere idg. Sprachen auf ein gemeinsames Idiom, das noch nicht das Uridg. ist, zurückzuführen, ist das Prinzip der g e m e i n s a m e n N e u e r u n g. Diese gemeinsame Neuerung darf nicht banal sein, und sie darf nicht entlehnungsfähig sein. Banal ist z. B. eine Neuerung, die in der Beseitigung von grammatischen Unbequemlichkeiten („Unregelmäßigkeiten") durch Analogie besteht. Entlehnungsfähig ist alles, was sich auf dem Gebiet des Vokabulars und der Syntax abspielt. Eingeschränkt entlehnungsfähig sind die Mittel der Wortbildung (Präfixe, Suffixe). Man muss also Ausschau halten nach Neuerungen in der Flexion, die nicht erwartbar sind, und die in verschiedenen Sprachen belegt sind. So ist eine Neuerung der germanischen Sprachen das schwache Präteritum. Diese gemeinsame Neuerung umschließt alle germanischen Sprachen wie ein hermetischer Wall. Ebenso ist es mit dem lateinischen b-Imperfekt und dem b-Futur. Freilich ist hier der Erkenntniszuwachs gering, denn an der Zusammengehörigkeit der germanischen Sprachen oder der Einheit des Latein ist ja niemals gezweifelt worden. Man hat aber zuwenig beachtet, dass das schwache Präteritum ein starkes Argument für eine punktartige Entstehung des Urgermanischen darstellt. Wenn diese grammatische Kategorie nur einmal und nur in einer einzigen Sprache entstanden sein kann, dann geht die Vorstellung, das Germanische könnte entstanden sein durch eine Mehrzahl von Isoglossen, die sich wellenförmig ausbreiteten und von denen einige auch andere Zweige des Indogermanischen einschlossen, von falschen Voraussetzungen aus. Wenn das Germanische (und entsprechend andere idg. Untersprachen) sich nicht durch „Ausgliederung", d. h. durch allmähliche Kumulation von Isoglossen herausgebildet hat, dann ist die Darstellung von Verwandtschaftsverhältnissen durch einen Stammbaum mit Unterknoten adäquat, was bis in die jüngste Zeit immer bestritten wird.

Leider fehlen gemeinsame Neuerungen häufig gerade dann, wenn sie uns am meisten willkommen wären. Es ist durchaus möglich, dass eine gemeinsame Neuerung in einer Sprache (wie alle anderen Phänomene auch) nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden kann. So fehlt beispielsweise eine gemeinsame Neuerung, die alles entscheiden könnte, im Baltischen und Slawischen. Die alte Kontroverse, ob das Baltische und das Slawische auf einen gemeinsamen Knoten „Balto-slawisch" zurückgeführt werden müssen, wird deshalb notgedrungen mit schwächerem Beweismaterial geführt.

In anderen Fällen kann das Material nicht eindeutig beurteilt werden. So ist es nicht klar, ob das Augment, das nur im Griechischen, Indoiranischen und Phrygischen belegt ist, eine gemeinsame Neuerung ist, oder eine gemeinsame Altertümlichkeit (die übrigen Sprachen hätten dann das schon uridg. Augment verloren). Das in verschiedenen Sprachen belegte r-Passiv ist wahrscheinlich aus bestimmtem Ausgangsmaterial von diesen Sprachen unabhängig voneinander in verschiedener Weise ausgebaut worden.

Es bleibt also festzuhalten, dass es möglich ist, durch reine Sprachvergleichung die idg. Grundsprache, die allen Einzelsprachen zugrundeliegt, in ihrem Lexembestand und in ihrem Bestand an Suffixen und Endungen, sowie das Funktionieren dieser Elemente in der Grammatik mit großer Genauigkeit zu rekonstruieren, dass es aber — wenn nicht besonders günstige Umstände vorliegen — nicht möglich ist, mit dieser Methode das Verhältnis dieser Sprachen zueinander (eventuelle Zwischenknoten) für die Zeit festzustellen, die zwischen der rekonstruierten Grundsprache und den bezeugten Einzelsprachen liegt. Also gerade das, was den überlieferten Texten unmittelbar vorausgeht, bleibt unklar, weil es kein Material aus anderen Sprachen gibt, das sich auf der gewünschten Ebene mit anderem Sprachmaterial trifft. Unsere Rekonstruktion ist gewissermaßen nur durch eine Projektion an eine hintere Wand möglich, wo sich die Strahlen aus verschiedenen Scheinwerfern treffen. Sie überschneiden sich – um im Bild zu bleiben – möglicherweise in einzelnen Fällen schon vor der Rückwand, aber daraus kann man keine vollständige Projektion gewinnen.

Das zweite Kapitel seines Buches überschreibt Mallory: "The Indo-Europeans in Asia" (S. 24-65). In ihm behandelt der Autor nacheinander die anatolischen Sprachen (Hethitisch, Luwisch, Palaisch), das Phrygische, das Armenische, das Indo-Arische, das Iranische und zuletzt das Tocharische. In den einzelnen Abschnitten werden die jeweiligen Sprachen kurz charakterisiert, es wird auf die jeweils ältesten Texte eingegangen und auf die Verbreitung bzw. Lokalisation der Sprache. Dann wird versucht, den sprachlichen Befund mit den zur Verfügung stehenden archäologischen Daten in Einklang zu bringen.

Der Autor ist sich der Problematik des Begriffes „Kultur" in der Archäologie und Prähistorie durchaus bewusst. Wenn der Archäologe ähnliche Keramik, Werkzeuge, Architektur und Bestattungsformen in einem geschlossenen Gebiet unter dem Begriff einer bestimmten Kultur zusammenfasst, dann ist diese Kultur ein Konstrukt des modernen Archäologen, und es ist noch längst nicht ausgemacht, ob sie einer bestimmten sozialen Gruppe oder einer Sprache entspricht (S. 24). Diese Erkenntnis müsste eigentlich dazu führen, die Indogermanenfrage, die doch gerade der Zusammenführung der Ergebnisse von Archäologie und Sprachwissenschaft gilt, als unlösbar zur Seite zu legen. Es muss ja außerdem berücksichtigt werden, dass möglicherweise eine ganze Reihe idg. Sprachen ausgestorben ist, ohne erkennbare Spuren hinterlassen zu haben. Da wir über sie nichts wissen können, werden die tatsächlich bezeugten Sprachen in der Zeitspanne zwischen ihrer Loslösung von der idg. Grundsprache und ihrer eigenen Bezeugung sozusagen flächendeckend über die Landkarte verteilt. Mallory macht keinen Versuch, dieses Dilemma zu lösen und eine Methode zu finden, die es erlauben würde, Sicheres, weniger Sicheres und bloße Möglichkeiten zu unterscheiden.

In seiner Darstellung lässt er die archäologischen Kulturen Revue passieren, die für eine Identifikation mit den Trägern bestimmter Einzelsprachen infrage kommen. Was die archäologische Seite seines Berichts betrifft, gibt der Autor eine vollständige Übersicht über die diskussionswürdigen bisher geäußerten Ansichten. Mit dem sprachwissenschaftlichen Teil dieser Argumentation steht es schlechter. Bei der Vergleichung von Sprachmaterial spielt bei Mallory der Begriff „similar" und „similarity" eine merkwürdige Rolle. So z. B. wenn Mallory über das phrygische Wort tios „Gott" folgendes sagt: "At the other end of the spectrum is tios which some have attempted to relate to Sanskrit dyaus, Greek Zeus and similar words for the Indo-European sky-god" (S. 32). Abgesehen davon, dass die Etymologie von phryg. tios höchstwahrscheinlich falsch ist, könnte es sich doch nur um ein einziges Wort handeln, nämlich idg. *dßus, das in dem phrygischen Wort weiterlebt. Die zitierten Wörter sind dessen lautgesetzlich bedingte Fortsetzung.

Ganz naiv ist es auch, wenn Mallory von den drei anatolischen Sprachen Hethitisch, Luwisch und Palaisch sagt: "With our evidence for both Luwian and Palaie so meagre compared with Hittite, it is difficult to ascertain fully how divergent the three languages were. That differences did exist can easily be seen in comparing some of their vocabulary" (S. 27). Dann folgt eine Liste von fünf Wörtern, unter denen die Wörter für Vater (heth. attas, luw. tati, pal. papa) und das für Honig (heth. melit, luw. mallit-, pal. malit-) figurieren. Aus Vergleichen dieser Art ohne Berücksichtigung der Grammatik kann selbstverständlich gar nichts geschlossen werden. Die Ersetzung des alten idg. Wortes für Vater durch verschiedene Lallwörter (was auch in anderen idg. Sprachen vorkommt) steht auf einem ganz anderen Blatt als die lautgesetzliche Vertretung des Wortes für Honig in den drei anatolischen Sprachen.

Man sieht also, dass das Auge des Verfassers – genau wie in dem vorigen Beispiel – nur auf die Oberfläche gerichtet ist. Die Sprachwissenschaft gibt aber gerade die Möglichkeit, Strukturen zu erkennen, die hinter der Oberfläche verborgen sind, und auf diese Weise den Begriff der Ähnlichkeit durch den des historischen Zusammenhangs zu ersetzen. Im Idealfall können diese historischen Zusammenhänge an einem Minimum von Material mit nahezu mathematischer Sicherheit nachgewiesen werden. Mallory hat so viele Mengen sprachwissenschaftlicher Sekundärliteratur durchgearbeitet, dass ihm diese Arbeitsweise, die sich so grundlegend von der Methode der Archäologie unterscheidet, klar sein muss. Aber offenbar hat er sich die Konsequenzen für die Argumentation in Einzelfällen nicht in aller Schärfe klar gemacht.

Dazu kommen noch so peinliche Fehler wie idg. *dhugǝter „Schwester" statt „Tochter" (S. 27) und griech. asti „er sitzt" statt hëstai (S. 26 Abb. 15). Und wie konnte der schreckliche Plural ethnoi die Korrektur passieren?

Von der Rolle Zarathustras in der iranischen Religionsgeschichte sagt Burrow: "In short, Zoroastrianism was a religious-based crusade against the remnant Indo-Aryan population which occupied Iran, and it was the success of this Iranian expansion that split the Indo-Aryans into western (Mitanni) and eastern (Indian) groups" (S. 43). Was hier referiert wird, ist eine von niemandem anerkannte Außenseitermeinung. In Wahrheit baut die zarathustrische Religion auf unterschiedlichen Spielarten der überkommenen indo-iranischen Religion auf. Es handelt sich um alte Gegensätze, deren Spur auch innerhalb der vedischen Religion zu finden sind. Mallory bevorzugt ganz offenbar die von ihm referierte Meinung, weil sie (im Gegensatz zur communis opinio) eine Verknüpfung mit äußeren politischen Ereignissen ermöglicht.

Für die Identifizierung der sprachlich erst seit ca. 600 n. Chr. bezeugten (S. 60) Tocharer mit einer älteren, prähistorischen Kultur bietet Mallory zwei Möglichkeiten an (S. 62 mit Karte Abb. 38): Die erste Möglichkeit wäre, dass sich die ältesten ("ancestors") Tocharer hinter einer Variante der Andronovo-Kultur verbergen, und zwar an deren geographischem Südostrand (Tajikistan und Kirgisien), w o die Andronovo-Kultur mindestens seit 1400 v. Chr. bezeugt ist. Die zweite Möglichkeit wäre eine Identifizierung mit der Afanasievo-Kultur, 1000 Kilometer nördlich der tocharischen Wohnsitze historischer Zeit. Diese Afanasievo-Kultur ist seit dem 3. Jahrtausend bezeugt und besitzt viele Züge, die man auch bei der indogermanischen Zivilisation voraussetzen muss: domestiziertes Pferd, die Grundlagen der Metallverarbeitung und möglicherweise den Wagen.

Für den Sprachwissenschaftler ist es schon atemberaubend, mit welcher Unbekümmertheit die Träger einer idg. Sprache, die sich in ihrem Bau (trotz einiger bewahrter Altertümlichkeiten) von dem ursprünglichen gewiß außerordentlich weit entfernt hat, um Jahrtausende zurückversetzt werden. Von der Ethnogenese der Tocharer wissen wir natürlich nichts, nicht einmal aus den eigenen Quellen (buddhistische Übersetzungsliteratur) sind sie uns fassbar. Dass sie sich aber bruchlos aus der Population der Andronovo- oder Afanasievo-Kultur herausentwickelt haben und auf diesem langen Weg irgendwann zu Tocharern geworden sind, ist eine recht unwahrscheinliche Vorstellung. Es ist dieselbe Andronovo-Kultur, von der der Verfasser später sagt: " The Indo-Iranian identity of the Andronovans is founded on both cultural and geographical evidence" (S. 228). Wenn das Fehlen historischer Zeugnisse die Bahn frei gibt, spielt also die Zeitdimension keine Rolle mehr. Eine belegte Sprache wird unter ihrer Bezeichnung in eine unbegrenzte Zeittiefe verschoben.

Das Hauptergebnis dieses Kapitels ist, dass die Indogermanen in Kleinasien und auf dem indischen Subkontinent nicht autochthon gewesen sein können, da sie dort überall andere Sprachen verdrängt haben.

In seinem dritten Kapitel (S. 66-109) stellt der Autor die idg. Sprachen und Völker Europas vor. Nacheinander die Griechen, die Thraker, die Illyrier, die Slawen, die Balten, die Germanen, die Italiker und die Kelten. Durch geschickt angelegte Skizzen werden die Verbreitungsgebiete dieser Völker anschaulich gemacht, sie werden mit prähistorischen Kulturen in Verbindung gebracht, wobei auch die Flussnamenforschung Berücksichtigung findet.

Da man nicht sämtliche idg. Sprachen Europas hinsichtlich ihrer "origins" mit einer einzigen prähistorischen Kultur zur Deckung bringen kann, hält Mallory nach "earlier configurations" Ausschau, d. h. in diesem Fall nach einer Zweiteilung, die es ermöglicht, die nördliche Gruppe mit der Schnurkeramik und die südöstliche Gruppe mit dem von ihm so genannten "Balkan-Danubian complex" des Spätneolithikums-Aenolithikums (S. 109) zu identifizieren. Dabei werden dann der Schnurkeramik die "ancestors" der Germanen, Balten und Slawen, am Rande auch Kelten, und mit Fragezeichen Italiker zugewiesen, die späteren Illyrier, Thraker, Mesapier, Griechen und Armenier dagegen von dem südöstlichen Komplex abgeleitet.

Die sprachwissenschaftliche Begründung für eine solche Aufteilung lautet: "On the basis of this and much more abundant evidence of phonetics, grammar and vocabulary, we can speak of a continuum of Slavic-Baltic-Germanic that stretched over Northern Europe from east to west. We have already seen how Slavic on the east shares obvious correspondences or contacts with Iranian, while Germanic displays close contacts via loan words with Celtic. It has long been argued that Celtic and Italic also share many similarities of phonetics and grammar and even an Italo-Celtic branch of Indo-European has been suggested along the lines of IndoIranian" (S. 108). Diese Aussagen sind im Grunde genommen nicht falsch, aber sie betreffen Erscheinungen von ganz verschiedenem Gewicht, die auf ganz verschiedene Zeitebenen fallen. Aus methodischen Gründen könnte auch eine noch so genaue Untersuchung des Verhältnisses der genannten Sprachen zueinander nicht zu einem Resultat führen, das solche Schlüsse zuließe, wie sie hier gezogen werden. Das einzige wirklich Fassbare ist die tatsächlich bezeugte g e o g r a p h i s c h e Nachbarschaft dieser Sprachen. Diese aber kann sich im Laufe einer langen Geschichte verschoben haben. Vom sprachlichen Standpunkt aus würde man das am ehesten von den Tocharern erwarten, die manche grammatischen Besonderheiten mit den westidg. Sprachen teilen.

Im vierten Kapitel, mit der Überschrift "Proto-Indo-European Culture" (S. 110 —127), untersucht Mallory, was aus dem erschließbaren Vokabular des Indogermanischen für die Umwelt der Indogermanen und die materielle Kultur zu folgern ist.

Hier erweist sich der Autor als gut informiert. Selbst neuere und abgelegene sprachwissenschaftliche Literatur wird referiert. Auch die methodischen Schwierigkeiten werden zutreffend dargestellt. So etwa, dass der Nachweis von Männerbünden bei den Indogermanen keinen großen Erkenntniswert hat, weil sich dergleichen auch bei anderen Völkern findet. Schwierigkeiten macht ferner der Bedeutungswandel, der unter anderem die Gleichungen für die Baumnamen entwertet. Anschaulich ist auch das Problem der Erkennung von Lehnwörtern auf S. 112 f. praktisch vor Augen geführt.

Leider muss das Gesamtergebnis unspezifisch bleiben. Die „Proto"-Indogermanen müssen in einer Umwelt gelebt haben, in der es offene Distrikte aber auch Bewaldung gegeben hat, ferner Flüsse und Feuchtgebiete, sowie eine kalte Jahreszeit mit Schnee. Das Vorhandensein einer Ackerbauterminologie macht es unmöglich, die Indogermanen weiter zurück als bis in die Jungsteinzeit (ab etwa 4500 v. Chr.) zu setzen. Es ist interessant, dass hier die Prähistorie einen chronologischen Schlussstrich ziehen kann. Bei dem sogenannten Meidschen Raum/Zeit-Modell, das ich aus grundsätzlichen Erwägungen für falsch halte, ist es nicht möglich, eine zeitliche Begrenzung in der Vergangenheit zu finden. (B. Schlerath, Ist ein Raum/Zeit-Modell für eine rekonstruierte Sprache möglich? KZ [Kuhns Zeitschr. Vergleichende Sprachforsch.] 95, 1981, 175-202; ders., Sprachvergleich und Rekonstruktion: Methoden und Möglichkeiten. Incontri linguistici 8, 1982, 53-69; ders., Können wir die urindogermanische Sozialstruktur rekonstruieren? In: W. Meid (Hrsg.), Studien zum indogermanischen Wortschatz (Innsbruck 1987) 249 - 264.)

Bezüglich der idg. Wörter *u(e)ik- „Großfamilie" und *plh1 später „Fluchtburg, Burg" bin ich entgegen dem Verfasser (S. 124) der Ansicht, dass es ursprünglich keine Bezeichnungen für Ansiedlungen waren. *plh1- bedeutet meines Erachtens lediglich „Menge". Man vergleiche griech. plëthos von derselben Wurzel „Menge, Volk". Dies, obwohl es verlockend wäre, in lit. pili pilti eine alte figura etymologica „einen Ringwall aufschütten" zu sehen.

Im fünften Kapitel (S. 128-142), das sich mit der Religion der Indogermanen befasst, teile ich nicht die Begeisterung des Verfassers für Dumézils "idéologie tripartie". Sie beruht meines Erachtens auf einem einzigen großen Irrtum. Entscheidend ist, dass sie durch keine einzige Etymologie gestützt wird. Nicht einmal zwischen Indern und Iraniern gibt es – trotz ähnlicher Ständeordnung – auch nur eine einzige sich darauf beziehende sprachliche Gleichung. Wie eine sorgfältige Untersuchung des Rigveda ergibt, kann es in der ältesten Schicht keine Unterscheidung zwischen der Sphäre der Priester und derjenigen der Krieger gegeben haben (1. und 2. Funktion). S. 270-272 fasst der Autor noch einmal die Lehre Dumézils von einem distanzierten Standpunkt aus eindrucksvoll zusammen.

Dumézil und seine Anhänger operieren gelegentlich mit der Annahme von dreifunktionalen oder zweifunktionalen Gottheiten in beliebiger Zusammenstellung. Das bedeutet völlige Beliebigkeit und entwertet das ganze Konstrukt. Die Übereinstimmungen in der Sozialstruktur verschiedener indogermanischer Völker lassen sich in Wirklichkeit am einfachsten als ein Resultat der Überlagerung autochthoner Kulturen durch einwandernde Indogermanen erklären bzw. durch ein Weiterschreiten der Zivilisation, die zu einer Aufteilung in Stände führte.

Dabei kann es durchaus sein, dass eine Ausbreitung durch kriegerische Eroberungen eine „Aussiebung" von Teilen der Bevölkerung aus einer älteren Ackerbaukultur voraussetzt, die eine Art 3. Funktion ausübte. In diesem Fall wäre es denkbar, dass die Träger einer sprachlichen Ausbreitung selbst Krieger und Viehzüchter waren, aber auch über eine Ackerbauterminologie verfügten, die sie nach ihrer Etablierung natürlich nicht ablegten.

So bleiben als mögliche rekonstruierbare Reste indogermanischer Religion neben dem „Vater Himmel" die noch erkennbare Möglichkeit, Wörter für Feuer und Wasser zu personifizieren, sie in bestimmten Situationen mit der Kraft des Wortes zu Göttergestalten zu machen. Feuer und Wasser spielen überdies bei der Haus- und Familiengründung, Eheschließung und vor allem bei der institutionalisierten Gastfreundschaft eine zentrale Rolle.

Man könnte sich vorstellen, dass sich eine Gastfreundschaft, wie wir sie (leider nicht ganz zureichend durch etymologische Entsprechungen abgesichert) für die Indogermanen vermuten können, besonders dann entwickeln konnte, wenn ein eindringendes Volk sich auf Herrensitzen über einen größeren Landstrich mit autochthoner Bevölkerung ausbreitete. Die (bilderlose) Personifikation von Naturkräften konnte sich besonders leicht fremde Gottheiten durch eine „interpretatio indogermanica" assimilieren.

Im sechsten Kapitel "The Indo-European Homeland Problem" (S. 143-185) wendet sich der Autor seinem zentralen Anliegen zu. Er lässt noch einmal die sprachwissenschaftlichen Argumente Revue passieren. Das dialekt-geographische Argument, dass am Rande gelegene Sprachen archaische Züge bewahren, während die in der Mitte gelegenen Dialekte zu Neuerungen tendieren, wird von Mallory in der Weise angewandt, dass er in der griechisch-armenisch-iranisch-indischen Gruppe das Zentrum sieht, was sich in gemeinsamen Neuerungen niederschlage. Diese dialekt-geographische Regel ist aber höchst anfechtbar und kann keinesfalls verallgemeinert werden. Darüber hinaus würde heute sicher die Mehrzahl der Indogermanisten eher die Ansicht vertreten, dass die von Mallory so bezeichnete Zentralgruppe umgekehrt das älteste uns erreichbare Bild von der idg. Grammatik vermittelt.

Die erneute Betrachtung der linguistischen Paläontologie und der plausibelsten archäologischen Lösung führt Mallory auf die pontisch-kaspische Region. Hier sieht er sich in Übereinstimmung mit der Kurgan-Theorie von Marija Gimbutas. Dabei geht der Verfasser nicht auf das Problem ein, ob die Kurgane allein überhaupt ausreichen, um von einer Kultur und einem Volk sprechen zu können. Er stellt einen anderen Kritikpunkt der Gegner der Kurgan-Theorie heraus: "But critics do exist and their objections can be summarized quite simply - almost all of the arguments for invasion and cultural transformations are far better explained without reference to Kurgan expansions, and most of the evidence so far presented is either totally contradicted by other evidence or is the result of gross misinterpretation of the cultural history of Eastern, Central and Northern Europe" (S. 185).

In dem siebten Kapitel (The Archaeology of the Proto-Indo-Europeans, S. 186-221) wird versucht, das bisherige Ergebnis durch die Untersuchung weiterer Details zu stützen. Die archäologischen Teile der Beweisführung kann ich nicht beurteilen. Aber mir scheint es, als würde die Annahme eines indogermanischen Pferdeopfers überbewertet. Die Deutung gewisser bildlicher Darstellungen aus dem kaspisch-pontischen Raum als auf die indogermanische Religion bezüglich, überzeugt mich nicht. Es lässt sich sprachlich nichts rekonstruieren, was auf bildliche Darstellungen schließen lassen könnte, und alles, was wir aus den Texten von den frühen indogermanischen Kulturen wissen, würde dem strikt widersprechen.

Das letzte Kapitel untersucht die Ausbreitung der Indogermanen. Nach der sehr einleuchtenden Überzeugung des Verfassers hängt eine Aussage über die Urheimat der Indogermanen so lange in der Luft, als es nicht möglich ist, sie mit einer plausiblen Hypothese von den späteren Wanderungen, ihrer Art, ihren Möglichkeiten und Motivationen zu verbinden. Wenn man – ausgehend von der Arbeitshypothese einer pontisch-kaspischen Urheimat der Protoindogermanen – versucht, die Wanderbewegungen in die späteren Wohnsitze plausibel zu machen, wird man mit sehr unterschiedlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Mallory stellt diese in dem achten Kapitel "Indo-European Expansions" (S. 222-265) ausführlich dar, wobei er Beweislücken nicht verschweigt.

Die Ausdehnung nach Asien ist mit den Kulturen von Afanasievo ("began before 3000 BC") und Andronovo ("begun to emerge in the early second millennium BC") verbunden. Dabei muss angenommen werden, dass bei der Wanderbewegung durch die Steppe nach Zentralasien durch die Berührung mit Stadtkulturen Keramik, Architektur und möglicherweise auch die Metallverarbeitung Veränderungen erfuhren.

Die Ausdehnung nach Anatolien kann entweder westlich über den Balkan oder südlich durch den Kaukasus (S. 231) erfolgt sein. Das Für und Wider wird erwogen.

In Südosteuropa beobachten wir zwischen 6000 und 4000 v. Chr. eine Ausdehnung des Ackerbaus von Griechenland nach Norden in den Balkan. In der Endphase (Karanovo VI) beobachten wir Kontakte mit dem pontisch-kaspischen Raum, die sich in den folgenden Jahrtausenden verstärken. Dies könnte als eine Ausdehnung der Indogermanen nach Westen interpretiert werden.

Ein besonderes Problem bietet Zentral- und Nordeuropa. Der indogermanische Charakter der Kugelamphoren-Kultur ("around 3500 BC") und der Schnurkeramik ("from about 3200 to 2300 BC") scheint für Mallory festzustehen, aber eine Herkunft aus dem pontisch-kaspischen Raum kann nicht wirklich dokumentiert werden.

Ich habe versucht, den Inhalt des Buches in seinen Grundzügen zu referieren und dabei einige ergänzende oder kritische Bemerkungen vom Standpunkt eines Sprachwissenschaftlers einfließen zu lassen.

Zum Abschluss seien noch einige allgemeinere Bemerkungen gestattet. Zunächst bin ich der Ansicht, dass der Begriff V o l k bzw. E t h n o s sowohl aus der sprachwissenschaftlichen wie auch aus der prähistorischen Diskussion konsequent verbannt werden muss. Ein Volk ist nur da, wenn eine Gruppe von Menschen sich für ein Volk hält oder (in einem bisweilen komplizierten Zusammenspiel von Fremdeinschätzung und Selbsteinschätzung) für ein Volk gehalten wird. Das ist ein rein geistesgeschichtliches Phänomen. Es ist auch ein empfindliches und veränderbares Phänomen. Es kann zudem auch dadurch verdunkelt sein, dass für Individuen verschiedene Zugehörigkeiten und Solidaritätsempfindungen gleichzeitig bestehen. Ein Volk kann, aber muss nicht durch eine gemeinsame Sprache konstituiert werden. (Dazu B. Schlerath, GGA [Göttinger Gelehrten Anz.] 241. Jg., 1989, 31-49.) Es kann, aber muss nicht durch eine gleiche geistige bzw. materielle Kultur konstituiert werden. Rasse kann, muss aber keine Rolle spielen. Das einzige, was der Indogermanistik auf diesem Gebiet durch Sprach- und Kulturvergleich zu erreichen verbleibt, ist, dass die Inder und die Iranier sich in ihrer gemeinsamen Vorzeit als Arier bezeichneten, d. h. als ein Volk, das durch eine bestimmte Art der Gastfreundlichkeit konstituiert wird. Diese Auffassung ist in eine kriegerische Kultur eingebettet, in der „Ruhm" der Zentralbegriff war, wobei Gefolgschaftswesen und Wagenkampf eine Rolle spielten. Aber dies betrifft nur die Indo-Iranier, nicht die Indogermanen. Im übrigen kann wegen des Fehlens schriftlicher Zeugnisse weder der Sprach-Wissenschaftler von Sprachen auf Völker schließen, noch der Ur- und Frühgeschichtler von Kulturen auf Ethnien.

Weiterhin muss mit Nachdruck festgestellt werden – dies ergibt sich auch aus dem vorliegenden Buch – , dass man die Möglichkeit, aus dem Wortschatz einer rekonstruierten Sprache Rückschlüsse auf die Umwelt und die soziale Ordnung zu ziehen, weit überschätzt hat. Entweder sind die Bedeutungen so vage, dass der Prähistoriker nichts damit anfangen kann, oder die gewonnenen Bedeutungsschattierungen sind für die gewünschte Beweisführung irrelevant.

Es wäre also eine Illusion zu glauben, dass eine intensivere und sorgfältigere Zusammenarbeit zwischen Prähistoriker und Sprachwissenschaftler irgendwelche neuen Erkenntnisse bringen könnte. Die sogenannte linguistische Paläontologie (S. 158-164) treibt den Indogermanisten gerade auf das Gebiet, auf dem seine besondere Schwäche liegt. So ergibt sich zwar – um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen – aus dem Vokabular mit Sicherheit, dass die Indogermanen der Grundsprache den Wagen nutzten. Dagegen finden sich keine Wörter für „reiten" oder irgendwelche darauf bezüglichen Vokabeln. Aber, dass diese Indogermanen nicht geritten sind, ist eben doch ein Schluss e silentio, dessen Gewicht verschieden beurteilt wird.

Meine pessimistische Einschätzung bezieht sich auf die Möglichkeit, neue oder sichere konkrete Einzelergebnisse zu erzielen. Anders steht es mit der Frage, ob man sich im Großen und Ganzen ein richtiges Bild von der Indogermanenfrage macht. Man hat in naiver und unreflektierter Weise von den Sprechern der idg. Grundsprache auf ein Volk der Indogermanen geschlossen. In ähnlich unreflektierter Weise setzt man voraus, dass sich Kulturen zusammen mit den Menschen und einer Sprache verbreiten. Man kennt natürlich zahlreiche Beispiele, bei denen es sich nicht so verhält. Aber diese negativen Beispiele werden vergessen, wenn es um die Frage der Ausbreitung der Indogermanen geht. Auch bei Mallory wird dieses Problem nicht angesprochen.

Ein sorgfältiges Vorgehen erfordert zunächst eine grundsätzliche Entkopplung der Ausbreitung von Kulturen, Menschen und Sprachen. Will man dann aufs neue zu einer plausiblen Gesamtsicht kommen, dann hilft nur eine t y p o l o g i s c h e Betrachtungsweise. Die Erarbeitung einer Typologie müsste von sicher bezeugten Parallelen ausgehen und dann einschätzen, wie die Beurteilung ausfallen würde, wenn man nur das Material einer einzigen Wissenschaft zur Verfügung hätte. Wie würde z. B. der Frühgeschichtler die germanische Wanderung sehen, wenn es keinerlei historische oder sprachliche Zeugnisse gäbe? Wäre dann die Frage nach einer „Urheimat" überhaupt sinnvoll? Würden sich die germanischen Reiche in Spanien und Nordafrika überhaupt in den materiellen Hinterlassenschaften widerspiegeln? Oder wie würden sie sich widerspiegeln, wenn es sich nicht um einen Fall von misslungener Germanisierung handelte?

Die Arabisierung Nordafrikas ist gelungen, die Arabisierung der islamisch gewordenen Teile des indischen Subkontinents ist nicht gelungen. Die Elemente der islamischen Kunst sind weiter vorgedrungen als die arabische Sprache. Aber diese Elemente haben ihren Ursprung nicht in der „Urheimat" der Araber, sondern haben sich erst später mit dem Islam vergesellschaftet.

Andere Beispiele sind die Hinduisierung Indiens, die Bantuisierung in Afrika, Kultur- und Sprachabfolgen in Mittelamerika usw.

Auf sprachwissenschaftlicher Seite ist das Aussterben von Sprachen besser dokumentiert als das Entstehen von Sprachen. Vielfach liegt gerade der Beginn der Sprachentstehung im Dunkeln. So vollzieht sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten unter der Decke der lateinischen literarischen Überlieferung ein tiefgreifender Umbau der Sprache: Verlust von Genetiv, Dativ, Ablativ, der Passivformen, des b-Futurums, Entstehung analytischer Verbalformen. Dieser Vorgang ist abgeschlossen und liegt schon Jahrhunderte zurück, als die romanischen Literaturen einsetzten. Ähnliche Probleme stellen sich bei der Erforschung der Entstehung von Kreolsprachen. In jüngster Zeit hat Stefan Zimmer die Möglichkeit angesprochen, dass man sich die Entstehung des Indogermanischen ähnlich wie die der Kreolsprachen vorzustellen habe. (Stefan Zimmer, Ursprache, Urvolk und Indogermanisierung. Innsbrucker Beitr. Sprachwiss., Vorträge u. Kleinere Schr. 46 (Innsbruck 1990).) Solche Hinweise können natürlich nicht zur Erklärung irgendwelcher konkreter Einzelheiten dienen, sondern nur eine Typologie allgemeiner Rahmenbedingungen gewinnen helfen.

Eine andere Streitfrage kann hier nicht erörtert werden. Ich bin der Ansicht, dass die Sprachwissenschaft mit ihren Rekonstruktionsmethoden nicht in eine größere Zeittiefe vordringen kann als zur Linie des Zusammenfalls der Phonemsysteme der Einzelsprachen in der gemeinsamen Grundsprache. Nur auf dieser Ebene lässt sich das grammatische System festmachen. Wenn das stimmt, müsste man annehmen, dass eine dialektfreie Grundsprache wenige Jahrhunderte vor der Bezeugung der ältesten indogermanischen Einzelsprachen gesprochen wurde.

Es gibt auf diesem Gebiet also noch Zukunftsaufgaben. Dass diejenigen Forscher, die Freude an konkretem Material und sicheren Ergebnissen haben, sich von diesem Problemkomplex fernhalten, ist verständlich.