Ortsnamen des Attergaus – eine Reise durch Jahrtausende

Aus atterpedia
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Überbleibsel der indogermanischen bis keltischen Zeit

Die ältesten indogermanischen (ca. 4700 BP - vor heute) und in der Folge keltischen Namen sind jene der Gewässer:

Atter-See: vgl. den Artikel über die „Die Kanal-Pfahlbauern-Kultur und der Name des Attersees

Ager: entweder noch indogermanisch oder erst keltisch, von idg. *ag- , (uridg. *h2eg-): "treiben, in Bewegung setzen"

Traun: truna (798), idg. *dreu-/drū- : „laufen, eilen“

Ischl, die: keltisch „Iskila“, zu indogerm. *eis-/is- : „heftig, schnell bewegen“; an der Ischl lag in der Antike die römische „statio escensis“ mit einer Zollstation bei Bad Ischl für die Bodenschätze des kaiserlichen Patrimoniums

Literatur:

Romanisierung der Kelten (ab 15 v. Chr.)

Die Kelten Ufer-Noricums (drei Stämme nördlich der Alpen: Ambisonten im nordwestlichen Salzachtal, dann die Alauni und die Stiriates bei Steyr) wurden während der römischen Besetzung ab 15 v. Chr. über die Jahrhunderte kontinuierlich romanisiert, d.h. sie übernahmen im Laufe der Zeit die volkslateinische (= romanische) Sprache und auch die christliche Religion. Alföldy spricht in seinem Werk `Noricum´ von einem römischen Patrimonium als kaiserlichem Fiskalgut in den Alpen zur Nutzung der Bodenschätze Eisen und Salz, was auch durch die Zollstelle bei Bad Ischl und die Eigentumsverhältnisse der nachfolgenden Agilolfinger mit dem ältesten Traunseekloster Trunseo (der Juvavia: = Altmünster) für das Innere und Äußere Salzkammergut nahegelegt wird.

Überbleibsel der römischen Periode in lateinischer Bezeichnung

Parschallen: (auch Parschalling mit -ing als Analogiebildung zu späteren bairischen -ing-Namen der Gegend); Barschalken („scalci“) waren persönlich freie aber abgabenpflichtige romanisierte Bewohner (`Romanen´), die aber an ein bestimmtes kaiserliches Fiskal-Gut im Erbbesitz gebunden waren.

Der „Barschalken“-Begriff leitet sich von altem römischem Fiskalbesitz her, mit „bar“ als "Abgabe an den Fiskus", der dann in der Nachfolge des römischen Staates an den bairischen Herzog ging, der jedenfalls auf altem römischem (Patrimonial-) und in der Folge auf agilolfingischem Fiskalland lag.

Der (vulgär-)lateinische, romanische Name "Parschallen" blieb bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts bestehen und wurde erst dann ins Frühmittelhochdeutsche der Baiern übernommen, wie sich aus der noch heutigen Betonung des Namens Parschallen auf der vorletzten Silbe erschließen lässt, wie im Folgenden dargelegt wird:

Im Germanischen und dessen Weiterentwicklungen zum Alt-, Mittel- und Neuhochdeutschen gilt bei Mehrsilbigkeit von Wörtern und Namen stets der Initial-Akzent auf der 1. Silbe. Demgegenüber gilt im Lateinischen der sogenannte Praenultima-Akzent ("prae" = vor; "ultima" = letzter), also der Akzent auf der vorletzten Silbe, der sich auch im Vulgärlateinischen und Romanischen fortsetzt. Da der Initialakzent im Althochdeutschen fest war, wurden ihm bei Übernahme von Namen regelmäßig auch die anders akzentuierten lateinischen/romanischen Gewässer- und Siedlungsnamen angeglichen. Diese Akzentregel behielt während der ganzen althochdeutschen Zeit – ab dem 8. Jahrhundert - bis zur zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ihre Gültigkeit und betraf alle bis dahin integrierten lateinischen/romanischen Namen. Erst ab der Mitte des 11. Jahrhunderts mit dem Übergang vom Althochdeutschen zum Frühmittelhochdeutschen verlor sie ihre Wirksamkeit, so dass erst ab dieser Zeit übernommene Namen ihren angestammten romanischen Akzent beibehielten.

Der Akzent zeigt daher an, ob ein mehrsilbiger Name schon ins Bairisch-Althochdeutsche oder erst spät – also ab 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts – ins Bairisch-Frühmittelhochdeutsche oder Bairisch-Mittelhochdeutsche aufgenommen wurde.

Dementsprechend ergibt sich, dass nicht nur in Parschallen sondern vor allem in der Gegend um Parschallen herum - wegen der Fremdbezeichnung von "Parschallen" - bis nach der Mitte des 11. Jahrhunderts Volks-Latein und erst dann bairisches Mittelhochdeutsch gesprochen wurde.

(Lieratur: Wiesinger, P., Greule, A.: Baiern und Romanen – Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung. Narr Franke Attempto Verlag, Tübingen 2019, S. 70. und:
Lechner, K.: Parschalken – Ein Beitrag zur österreichischen Rechtsgeschichte und Volkskunde. Festschrift zum 70. Geburtstag von Theodor Mayer, Thorbecke Verlag, Konstanz 1954 und siehe die dort zitierte umfangreiche Literatur, v.a. das Buch von A. Janda: Die Barschalken. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Mittelalters.)


Zell: Cellae = kleine Zellen als Außenstelle eines Monasteriums (hier: Trunseo – Altmünster)

Nußdorf: etwa `vicus nucis´: von lat. nux, nuces = Nuß, Nüsse; althochdeutsch nuz = Nuss (auch Trunseo zugehörig)

Altenberg: etwa `alto´ colli: `beim hohen Hügel´; (Altenberg bei Linz ist `Balkon von Linz´; das dritte Altenberg in Österreich an der nö. Donau ist ebenfalls erhöht und war ein römisches Kastell)
→ vgl. Online-Wörterbuch PONS Lateinisch-Deutsch: "altus, -a, -um" bedeutet "hoch" [mons - Berg; turris - Turm]; "hochragend" als Beiwort von Städten wegen der erhöhten Lage oder der hohen Mauern [Carthago; Roma]

Gampern: vgl. Camparon, in uilla Campara; von lat. campus / roman. campu = `Feld´mit Suffix –arius

Kemating: vgl. kemenata – Zimmer in Haus mit Kamin; mit -ing = bair. Hinweis auf Dorf (s.u.)

Attersee: zweifellos sagten die damaligen Romanen auch zum Ort „Attersee“ in ihrem (Vulgär-)Latein etwas wie „Atter“-vicus (?); zum See „Attersee“ etwas wie „Ater“-lacus (?).

Attergau: die Gaubezeichnung stammt von der karolingischen Gaueinteilung

Abersee: vom bairischen Personennamen Aparwin, „lacus Abrianus“; später umbenannt in `Wolfgangsee´

Irrsee: vom Personennamen des hl. Ursus (Angehöriger der Thebäischen Legion - wie der Nußdorfer Hl. Mauritius!)

Wallersee: vom roman. Ortsnamen Vallaria = Tal-Gut, Tal-Hof; erweitert auf „Walar-seo“ = Wallersee

Überbleibsel der römischen Periode in bairischer Fremd-Bezeichnung

Die die beherrschende Verwaltung übernehmenden Baiern bezeichneten die vorhandene romanisierte, keltische Bevölkerung als Walchen, Welsche; diese Bezeichnung wurde dann von ihnen auch allgemein für romanisierte Bevölkerung verwendet.

Seewalchen: am nordwestlichen Seeufer siedelnde christliche Romanen = Walchen; eine Urpfarre

Ainwalchen: ursprünglich `Einwalhesdorf´: also Benennung eines Einzelgehöfts von Walchen, dem von den Baiern die beiden Komposita `ein´ (ein, einzeln) und -dorf gegeben wurden.

Walchen, Ort: Name hängt mit den Ministerialengeschlecht der `Walchen´ zusammen, ist also sehr wahrscheinlich keine Ansiedlung von Walchen

Bairische Siedlungsnamen

Die ersten bairischen Siedlungsgruppen findet man mit den -heim-Namen und den -ing-Namen. Die -ing-Namen neuer Siedlungen mit ihren Führungspersönlichkeiten am Namensanfang trifft man in auffallender Weise aber nicht im „inneren“ Attergaugebiet, sodass davon auszugehen ist, dass die bereits und weiter vorhandene romanische Besiedlung fest verankert blieb.

Schörfling: am Nordostufer, im Vergleich zu den Seewalchenern sind sie wohl weniger christliche Baiern unter der Führungs-Person eines `Skerolf´ im Ort „Skerolfinga“ siedelnd; hängt wohl mit der Herrschaftsübernahme der Agilolfinger zusammen. Das gar nicht zu den Baiern passende und in Österreich sonst recht seltene Kirchenpatrozinium des Hl. Gallus kommt wohl mit den Bambergern nach Schörfling. (vgl. → die diesbezügliche Geschichte!)

-ing-Namen: massiertes Auftreten im Attergau nur außerhalb der Linie Hipping, Rixing, Wötzing; aber sonst flächendeckend zwischen Hipping bis Timelkam.

St. Georgen: Mit den Bambergern wurde aus dem (karolingischen) "Atter-Gau-Dorf" bewusst das "St. Georgen". (Warum es gerade der Hl. Georg in Ergänzung zum Hl. Peter sein musste, ist aber eine andere, ältere Geschichte.) Wohl im Bestreben, im Umfeld „bairischer“ zu heißen wurde dann später aus „Sankt Jörgen“ in bairischer -ing-Analogiebildung „Sanktjörg-ing“ (Atterseer Matriken 1766: "S: Georginn") und vereinfachend „Santjörg-ing“ dann „Sant-jör-ing“ und in der Sprache der Einheimischen das heutige „Sannt-ir-ing“.

-heim, -ham: Bergham, Thalham (gehören noch zu den ersten bairischen Siedlern, sind „Einsprengsel“ in die romanische Basisbesiedlung)

-hofen: Atterhofen (Hinweis auf karolingische Verwaltungs-Höfe "-hofen" wie auch Mattighofen usw.)

-stetten: Stettham (auch ein adeliger Sitz)

-dorf: Nußdorf; Abbatis-Dorf (Dorf des Abtes - Abtsdorf: wohl als Anerkennung für die Danaer-Dienste des Mondseer Abtes Hunrich iVm Bischof Arn von Salzburg gegenüber Herzog Tassilo III. in Rom: aber das ist eine eigene Geschichte); Eisenpalmsdorf (`Eisen´ von `Isaak´), Ohlsdorf, Steindorf: (Nach den -ing-Namen werden die -dorf-Namen produktiv und vermehrt auch für bestehende Ansiedlungen verwendet und treten in der zweiten bair. Besiedlungswelle auf.)

„Reuten“-Namen: Rodungsnamen von Reith, Breitenröth usw. (dritte bair. Ausbaustufe) → (beim "Roden" wird der Baumstamm samt dem Stock entfernt) vgl. die alten → Rodungsnamen in der Namenkunde der Orte und Wiesinger (siehe Lit.-Verzeichnis).

→ Schwenden: "Schwendter Eck"; Innerschwandt → (beim "Schwenden" - von mittelhochdeutsch swenten = `zum Schwinden bringen´ wird durch ringförmiges Abschälen der Rinde des Baumstammes etwa einen halben bis ganzen Meter über dem Boden der Baum zum Absterben gebracht)

-aha: ahd: "Ache" → Untraha („unter der Ache“), Unterach

-bach: Weißenbach, Schwarzenbach

-berg: Buch-berg, Alten-berg

Überreste der Alpenslawen in bairischer Fremdbezeichnung

„Windische“ ist die alte bairische Bezeichnung für die Alpenslawen; solche Namen sind letztlich auf das Innere Salzkammergut beschränkt und treten nur vereinzelt im Äußeren Salzkammergut auf.

Wienerroith: = von "Windischen" gereutet; würde man "Wien" sagen wollen, würde man in der Mundart „Weana-Roith“ sagen (Lit.: Wurzinger, H.: Ortsnamenkunde von Niederösterreich; Kartographische und geographische Zeitschrift, Heft 5, S.86; 1917)

Zimnitz: vom slawischen „Zimnica“ = „kalt", "Schneeberg“; der höchste Gipfel heißt um 790 (Chronion Lunaelacense) eingedeutscht "Leonsberg", aber bis heute in der Benennung durch die lokale Bevölkerung weiter "Zimnitz".

Verwendete Literatur

Alföldy, Geza: Noricum. Routledge & Kegan Paul, London 1974, ISBN 0-7100-7372-0.

→ OFFEN: Tassilo III. vs. Karl d. Gr.

Heitmeier, Irmtraut: → Ortsnameninterpretation und Siedlungsgeschichte. Ein methodischer Versuch am Beispiel des südöstlichen Chiemgaus, in Zeitschrift für Bairische Landesgeschichte ZBLG 53 (1990), S.551-658

Wiesinger, P., Greule, A.: Baiern und Romanen – Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung. Narr Franke Attempto Verlag, Tübingen 2019. → Inhaltsverzeichnis

Wiesinger, Peter: → Ortsnamen und Siedlungsgeschichte im Salzkammergut, Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereins, Band 149a, 2004

Lechner, K.: Parschalken – Ein Beitrag zur österreichischen Rechtsgeschichte und Volkskunde. Festschrift zum 70. Geburtstag von Theodor Mayer, Thorbecke Verlag, Konstanz 1954 und siehe die dort zitierte umfangreiche Literatur, v.a. das Buch von A. Janda: Die Barschalken. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Mittelalters.

Wurzinger, H.: Ortsnamenkunde von Niederösterreich; Kartographische und geographische Zeitschrift, Heft 5, S.86; 1917 (ad "Wienerroith")

Janda, Anna: Die Barschalken - Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Mittelalters. Veröff. d. Seminars für Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Univ. Wien. Scientia Verlag Aalen, 1978. 49 Seiten mit 1 Grafik zum Vorkommen der Ortsnamen.